Die Kariba-Tragödie

Mit einem Anteil von 45% der gesamten Wasserressourcen des südlichen Afrikas zählt Sambia zu den wasserreichsten Staaten des Kontinents. Als größtes Bauprojekt Rhodesiens entstand deshalb noch unter britischer Kolonialherrschaft zwischen 1955 und 1959 der Kariba-Staudamm, der den viertgrößten Fluss Afrikas, den Sambesi, zum größten künstlich entstandenen See der Erde aufstaut (knapp 4x das Volumen des Bodensees). Die Turbinen der zwei Wasserkraftwerke haben eine Gesamtleistung von 10.035 GWh pro Jahr (entspricht in etwa dem Jahresbedarf von Litauen), wobei das Nordkraftwerk 1080 MW generiert und von ZESCO (Zambia Electricity Supply Corporation Limited), dem staatlichen Stromunternehmen Sambias betrieben wird und das Südkraftwerk 750 MW generiert und von Simbabwes ZPC unterhalten wird. Insgesamt decken die Wasserkraftwerke 37% von Sambias und 34% von Simbabwes Gesamtbedarf an elektrischer Energie. Aufgrund der geografischen Gegebenheiten war das Land somit, im Gegensatz zu vielen anderen afrikanischen Staaten, in der privilegierten Situation, dass es in den vergangenen 55 Jahren nicht nur Energiesicherheit gewährleisten konnte, sondern sogar Stromüberschüsse nach Mosambik und Südafrika exportieren konnte. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch eine enorme Abhängigkeit von Wasserkraft als Energiequelle, denn mehr als 90% des sambischen Strombedarfs wird aus Hydroenergie (Kafue-Gorge-Damm: 990 MW, Itezhi-Tezhi-Damm 120 MW (noch im Bau), Victoria-Falls-Power-Station: 108 MW) gewonnen. Sich auf die scheinbar unerschöpflichen Wasserressourcen verlassend, hatte die Energiepolitik des Landes die Diversifizierung seiner Energieträger bis zuletzt nicht auf der Agenda und erfährt während der diesjährigen Trockenzeit deshalb schmerzlich, was es bedeutet, wenn der vermeintliche Wassersegen mangels Alternativen zum Elektrizitätsfluch avanciert.

Sambia ist seit Mai diesen Jahres mit der gravierendsten Stromkrise seiner Geschichte konfrontiert. Als eines der am stärksten von den Auswirkungen des Klimawandels betroffenen Länder leidet Sambia erneut an einer sehr langen Trockenzeit. Schon in den vergangenen Jahren war die Regenzeit deutlich kürzer und die Niederschläge weitaus weniger ergiebig, sodass die anhaltende Dürre zu einem drastischen Absinken des Wasserspiegels des Kariba-Stausees führte. Schon im Jahr 2014 war der Wasserstand auf 80% des Normalniveaus gesunken, doch aktuell liegt der Pegel nur noch bei alarmierenden 43% des Wasserstandes vor genau einem Jahr. Die Zeit läuft gegen Sambia, denn der heißeste Monat des Jahres steht noch bevor und obwohl die Wasserkraftanlage des Kariba-Damms aufgrund des niedrigen Wasserspiegels schon nur noch 520 MW anstatt 1080 MW Strom erzeugt, kann es bei einem Absinken des Wasserspiegels um weitere 4 Meter dazu kommen, dass das Kraftwerk vollständig abgeschaltet werden muss. Damit würde die wirtschaftliche Talfahrt in einer verheerenden ökonomischen Katastrophe enden, denn Sambias Hauptwirtschaftszweig, die Kupferindustrie (zweit größter Arbeitgeber des Landes nach der Regierung: 40.000 Arbeitsplätze, 68% der Exporterlöse, 9% des BIP, 35% der staatlichen Steuereinnahmen) ist elementar auf eine stabile Stromversorgung angewiesen. Doch während das Land aktuell mit einem Stromdefizit von 560 MW kämpft und die Binnennachfrage jährlich um 200 MW steigt, kommt verschärfend hinzu, dass Sambia, aufgrund bestehender Verträge mit Mosambik und Südafrika, nach wie vor Strom exportiert. Um der akuten Elektrizitätskrise entgegenzuwirken musste ZESCO deshalb schon Mitte Juli 100 MW zu einem höheren Preis reimportieren und seit Anfang September werden weitere 148 MW von einem Schiff einer schottischen Energiefirma geliefert, das im Hafen von Beira vor der Küste Mosambiks liegt.

afr-the-kariba-dam-rehabilitation-project-fact-sheet-735x490Quelle: Marcus Wishart, World Bank Group

Während es in der Vergangenheit lediglich zu 2-3 unangekündigten, kurzfristigen Stromausfällen pro Woche kam, richtet sich der Alltag der Menschen in Lusaka derzeit nach einer „Load-Management-Schedule“. Nach dem Wort „ZESCO“ wird wohl der Begriff „Load-Shedding“ („Lastabwurf“) zum sambischen Unwort des Jahres 2015, denn aktuell veröffentlicht ZESCO zu Anfang jeden Monats einen Plan, der die Stromausfälle berechenbar machen soll, indem er aufzeigt, wann welches Viertel aus „Überlastung abgeworfen“ wird. Dieser „Stromausfall-Plan“ unterteilt die Stadt in 4 verschiedene Kategorien: Commercial Areas, Industrial Areas, Farm Areas und Residential Areas. Während Gewerbegebiete Montag bis Sonntag von 00:00 – 8:00 Uhr vom Netz genommen werden, die Industrie von 16:00 – 00:00 Uhr und landwirtschaftliche Gebiete von 6:00 – 12:30 Uhr, wurden die Wohngebiete wiederum in 3 Unterkategorien gefasst, die jeden Tag zu unterschiedlichen Zeiten mit stundenlangem Stromausfall rechnen müssen. Dabei hat sich die Situation sogar binnen vier Wochen drastisch verschärft, denn während im August abwechselnd ein Tag von 8:00 – 16:00 Uhr und am nächsten Tag von 14:00 – 22:00 Uhr Stromausfall war, wurden im September neue Zeiten eingeführt: Tag 1: 6:00 – 14:00 Uhr, Tag 2: 10:00 – 18:00 Uhr, Tag 3: 00:00 – 6:00 Uhr und 14:00 – 22:00 Uhr. Das bedeutet, dass alle Wohngebiete täglich 8 Stunden und alle drei Tage 14 Stunden vom Netz genommen werden. Wobei dies natürlich nur für die besseren Viertel in Lusaka und Livingstone sowie die größeren Städte in der Provinz Copperbelt gilt, während Lusakas Slums und andere Städte in Sambia keine geregelte Load-Shedding-Situation haben, sondern unregelmäßig und teilweise mehrere Tage am Stück vom Netz genommen werden. Ganz abgesehen von den unzähligen kleinen Dörfern in ländlichen Gebieten, in denen der Großteil der Bevölkerung (ca. 10 von 14 Mio. Menschen) lebt, die jedoch überhaupt nicht an das staatliche Stromnetz angeschlossen sind (75%), sondern abhängig von Kohle, Solarpanels oder Generatoren sich selbst überlassen bleiben.

Doch damit ist noch nicht der Gipfel des absoluten Missmanagements erreicht, denn im Zusammenhang mit dem Kariba-Staudamm schwebt noch ein viel größeres Damoklesschwert über Sambia. Schon seit über einem Jahr prangern Statik-Experten den äußerst bedenklichen Zustand des Staudamms an, denn nach mehr als 55 Betriebsjahren sind die Betonwände rissig und das Basalt-Fundament so stark erodiert, dass tatsächlich die Gefahr besteht, dass der Damm bricht. Die Folge wäre ein Tsunami, der sich unkontrolliert seinen Weg durch das Sambesi-Tal bahnen und in weniger als acht Stunden die Grenze von Mosambik erreichen würde, dort den Cahora-Bassa-Damm überfluten und abgesehen von immensen Umweltschäden etwa 3,5 Mio. Menschen mit in den Tod reißen würde. Um diese Katastrophe zu verhindern ist Sambia, als hochverschuldetes Entwicklungsland, abhängig von internationalen Geldgebern. Im Dezember 2014 wurde deshalb das Kariba-Dam-Rehabilitation-Project beschlossen, welches 294 Mio. US$ umfasst und von der Zambezi River Authority (20 Mio. US$), der African Development Bank (75 Mio. US$), der Europäischen Union (100 Mio. US$), der schwedischen Regierung (20 Mio. US$) und der World Bank Group (75 Mio. US$) kofinanziert wird. Die dringend nötigen Renovierungsarbeiten sollen noch in diesem Jahr beginnen und bis 2019 abgeschlossen sein.

Obwohl die Zeit somit in zweifacher Perspektive gegen Sambia läuft, gibt es Hoffnung in der Kariba-Tragödie. Hoffnung darauf, dass 294 Mio. US$ wortwörtlich im Fundament der Zukunft des Landes verbaut werden und Hoffnung darauf, dass der Wetterbericht hält was er verspricht und es bald anfängt zu regnen.

Ein Gedanke zu „Die Kariba-Tragödie

  1. Hallo Thamar,
    ein dramatischer Bericht !
    In wie fern leistet die FE-Stiftung einen Beitrag, zunächst nur durch das Aufzeigen der dramatischen Lage ?!
    Hört sich ja nicht gut an !
    Grüße von Hartmut

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