VIP-Service

Tel Aviv, Ben Gurion Airport, 24.April, 0.35Uhr.
Ich stand in der Warteschlange vor dem ersten Sicherheitscheck. Meinen riesigen Koffer, meinen Rucksack und mein Handgepäck auf einem Wagen, wartete ich auf die nette Security-Dame um ihre neugierigen Fragen zu beantworten. Schließlich war ich an der Reihe. Sie nahm meinen Pass und verglich ihn mit meinem Gesicht. Ich schaute sie an und versuchte genauso auszusehen wie auf dem biometrischen Foto. Bloß nicht auffallen! Sie fragte nach meiner Aufenthaltsdauer in Israel, nach der Herkunft meines Vornamens, nach den Namen meiner Eltern und Geschwister, ob jemand in meiner Familie jüdischen Glaubens sei, nach meinen Freunden in Israel, nach deren Wohnort und nach meinen Hebräisch-Kenntnissen. Ich versuchte all ihre Fragen halbwegs wahrheitsgetreu zu beantworten ohne mir meine extreme Nervosität anmerken zu lassen. Am Ende der Befragung war ich die junge Soziologie-Studentin, die ein Praktikum beim YMCA gemacht hat, deren Mutter in den 80ern 2 Jahre in Israel lebte und ihrer Tochter ein ganz besonderes Souvenir mitgebracht hat – ihren Namen. Sie hatte die falschen Fragen gestellt und ich die erste Hürde im Sicherheitsmarathon genommen!
Doch jetzt wurde es schwieriger, denn mein gesamtes Gepäck musste durch das Röntgengerät. Anschließend war sofort klar, dass sie einen Blick in meine Koffer werfen wollten – ich wurde zur nächsten Warteschlange geschickt. Nach wenigen Minuten wurde ich von einer anderen Security-Dame zu einem der Tische gerufen. Der Koffer auf den einen Tisch, der Rucksack auf den nächsten und das Handgepäck auf den dritten. Passkontrolle und Koffer öffnen! Ich betete zu Gott und Allah gleichzeitig!
Sie schaute auf ihre zwei Bildschirme während sie sich ihre Plastikhandschuhe anzog. Dann drehte sie sich zu meinem Koffer, entschied sich für eine Ecke und fing an zu graben. Nach wenigen Sekunden zog sie einen kleinen Beutel heraus. Mir wurde schlecht! „Palestine – Keep-Hope-Alive“ war darauf zu lesen – Volltreffer!
Mit flinken Handgriffen öffnete sie den Beutel und zog eine Keramik-Fliese heraus. „Palestine“, daneben die palästinensische Flagge. Ich konnte es nicht glauben. Ich hatte 50kg Gepäck dabei und sie landete mit dem ersten Handgriff einen Volltreffer?! Meine Gebete wurden jedenfalls nicht erhört!
Sie hielt die Fliese wie eine Trophäe in der Hand und rief einen Kollegen. Man musste kein Hebräisch können um zu verstehen was sie ihm sagte. Einen Funkspruch später stand eine weitere Security-Dame vor mir. Noch eine Passkontrolle, was sonst? Mit einem Blick auf die Fliese begann die nächste Fragestunde. Woher ich diese Fliese habe, warum ich in Beit Sahour war, wie lange ich dort war, wo ich gearbeitet habe, was genau meine Aufgaben waren, ob ich dafür bezahlt wurde, wo ich gewohnt habe, ob ich dort jemanden kenne, ob ich mehr mit Einheimischen oder mit Internationalen zu tun hatte und so weiter und so fort… Ich versuchte entspannt zu wirken doch es fiel mir zunehmend schwer. Das Gespräch wurde immer wieder durch Funksprüche unterbrochen was mir etwas Zeit verschaffte um meine Formulierungen noch einmal zu überdenken. Ich beantwortete ihre Fragen so knapp wie möglich und versuchte das Gespräch auf meinen hebräischen Namen, den Aufenthalt meiner Mutter in Israel und unsere jüdischen Freunde zu lenken. Es funktionierte nicht, sie wusste was sie suchte und ihre anfängliche Freundlichkeit hatte sich in eisige Kälte verwandelt. Mir stieg das Blut in den Kopf.
Schließlich schien sie genügend Informationen über mich zu haben um drei weitere Securities hinzuzurufen. Einer wurde meinem Koffer zugeteilt, der andere meinem Rucksack, eine Frau widmete sich meinem Handgepäck. In der nächsten Stunde durfte ich zusehen, wie mein sorgfältig in T-Shirts und Hosen eingewickeltes Keramikgeschirr wieder ausgewickelt, gescannt und zur Seite gelegt wurde. Das Olivenholz-Salatbesteck, meine BHs, der Kaffee, die Seife und meine schmutzigen Socken, alles, einfach alles wurde ausgeräumt. Jede Tüte wurde ausgepackt, der Schwarztee durchgewühlt, jedes Buch durchgeblättert, jede Pinzette untersucht, jeder Brief geöffnet. Ich saß daneben als meine Münzen im Geldbeutel, meine Visitenkarten im Ledertäschchen und mein Erste-Hilfe-Set ausgeräumt wurden.
Schließlich fanden sie noch ein Reisebügeleisen. Hava hatte darauf bestanden, dass ich es mitnehme, ich habe es getan um nicht unhöflich zu sein. Jetzt wurde es mir zum Verhängnis. Ich hatte einen Gegenstand dabei, der mindestens 30 Jahre alt war, den ich geschenkt bekommen hatte, den ich noch nie ausgepackt und zusammen gebaut hatte und der offensichtlich auch noch kaputt war. Während ich mich über mich selbst aufregte, weil ich dieses dumme Reisebügeleisen mitgenommen hatte erschien ein weiterer Security-Mann vor mir. Er begutachtete meinen Pass erneut und erklärte mir mit einem falschen Lächeln auf den Lippen, dass er mir gerne noch einige weitere Fragen stellen würde. Ich beantwortete also neue Fragen und Fragen, die ich schon zweimal beantwortet hatte. Was ich in Beit Sahour gemacht habe, wen ich dort kenne, ob ich auch andere Städte in der Westbank besucht habe, warum wir diese Partnerschaft haben, ob ich schon vorher einen Bezug zu dieser Region hatte, ob ich auch schon in anderen arabischen Ländern war, ob ich meinen Praktikumsort frei wählen konnte, warum ich nicht nach Afrika gegangen war und so weiter und so fort. Ich versuchte gelassen zu wirken aber es gelang mir nicht mehr. Ich war nicht nur absolut übermüdet, nervös, verunsichert und gestresst, jetzt stieg Wut in mir auf und schnürte mir die Kehle zu! Ich versuchte mir einzureden, dass sie doch auch nur ihren Job machen und eigentlich nur arme Handlanger eines kranken, sicherheitsfanatischen Systems sind. Doch darum ging es nicht! Es ist nicht was sie machen, sondern wie sie es machen.
Aus dem Augenwinkel beobachtete ich wie die Postkarten mit den Banksy-Motiven auf der Apartheit-Mauer begutachtet wurden. Ich war so dumm und naiv gewesen. Wie konnte ich nur glauben, dass dieser Sicherheitscheck in ein paar Minuten erledigt war, wenn ich solche Postkarten, Zeitschriften über die „Nakba“ (Vertreibung der Palästinenser) und „Kufiyas“ mit der palästinensischen Flagge dabei hatte?
Immer mehr Securities scherten sich um mein Gepäck und beäugten es kritisch. Immer wieder wurde ich gerufen und dazu befragt wo ich die verschiedenen Gegenstände gekauft hatte. Mein Pass wurde unzählige Male von unzähligen Securities geprüft, mein Laptop von verschiedensten Geräten durchgecheckt und alle noch so kleinen Gegenstände in meinem Gepäck untersucht. Ich war mit meinen Nerven am Ende, komplett nassgeschwitzt und konnte gemurmelte Flüche nur noch sehr schwer unterdrücken. Doch wahrscheinlich bestraften sie mich immer noch mehr mit ihrer Verachtung als ich sie mit meiner.
Plötzlich blieb mein Blick an einer Security-Dame hängen, die gerade dabei war meinen Laptop-Adapter in Plastikfolie einzupacken. Als sie meinen Blick bemerkte erklärte sie mir kurz, dass sie das Ladekabel in einen extra Karton einpacken müsste und ich es nicht mit meinem Handgepäck in das Flugzeug nehmen könnte. Ich war sprachlos, weil ich fest davon ausgegangen war während meines 5-stündigen Aufenthaltes in Istanbul an meinem Laptop arbeiten zu können. Ich fragte sie, was das Problem sei und ob es nicht eine andere Lösung dafür gäbe. „Security-Reasons“ war ihre knappe Antwort. Der Adapter meines Laptops war wahrscheinlich der einzige Gegenstand in meinem Gepäck den ich tatsächlich in Israel gekauft hatte. Jetzt wurde er zum „Security-Reason“ – was für eine Ironie! Ich kochte und konnte mir einen abfälligen Kommentar über die Lächerlichkeit dieser Aussage nicht verkneifen.
Eine Stunde später stand ich vor leeren Koffern und Taschen und vor fünf großen Bergen aus sauberen und schmutzigen Klamotten, Geschirr, Schmuck, Gewürzen und Kabelsalat. „That’s it“! Das war dann wohl das Zeichen dafür, dass ich jetzt alles wieder einpacken durfte. Von abfälligen Blicken durchlöchert stand ich vor meinen Sachen und wusste nicht wo ich eigentlich anfangen sollte. Alles was ich zwei Stunden lang sorgfältig zusammengelegt und eingepackt hatte war herausgerissen und völlig durcheinander gebracht. Ich fing an meine Keramikschüssel, das Glas meiner Wasserpfeife und meine Olivenholzprodukte sorgfältig wieder in Kleider zu wickeln. Schon nach wenigen Handgriffen wurde ich angewiesen mich ein bisschen zu beeilen, denn ich müsste ja noch zum persönlichen Sicherheitscheck. Nachdem sie sich alle Zeit der Welt gelassen hatten um jeden Ohrring in meinem Koffer zu untersuchen musste jetzt also alles ganz schnell gehen! Ich wurde sauer! Wut vermischte sich mit Tränen, die ich schnell wieder herunterschluckte. Zum Heulen war jetzt keine Zeit, in einer Stunde ging mein Flug! Unter strengster Überwachung versuchte ich meine Sachen zurück in den Koffer zu stopfen. Jeder meiner Handgriffe wurde beobachtet, jede Bewegung registriert.
Schließlich standen mein Koffer, mein Rucksack und mein Handgepäck endlich wieder auf dem Wagen. Fehlte nur noch der persönliche Sicherheitscheck, was auch immer das war? Eine der Security-Damen begleitete mich zu einem separaten Raum. Sie wies mich an meine Jacke, meine Schuhe und meinen Gürtel auszuziehen und meine Hose aufzumachen. Meine Sachen wurden in einen extra Behälter gepackt und einem anderen Security übergeben. Dann wurde ich untersucht. Die Leibesvisitation begann relativ harmlos mit einem Metalldetektor mit dem ich, sehr akribisch und wortwörtlich von Kopf bis Fuß, abgesucht wurde.
Anschließend wurde ich noch abgetastet. Meine Haare wurden Strähne für Strähne durchsucht, meine Halskette begutachtet und jeder Knopf an meiner Bluse untersucht. Von meinem Gesicht bis zu meinen Zehen wurde ich Zentimeter für Zentimeter abgetastet. Jedes Bündchen an meinen Kleidern, die Bügel meines BHs und der Reisverschluss meiner Hose wurden untersucht. Nach einer gefühlten Ewigkeit war diese, nicht gerade zu meiner Entspannung beitragende „Ganzkörpermassage“ endlich überstanden und ich bekam auch meine Sachen wieder zurück. Meine „Leibwächterin“ begleitete mich zurück zu meinem Kofferwagen und übergab mich an einen weiteren Security. An einer imaginären Hundeleine wurde ich zum Schalter gebracht um endlich mein Flugticket zu lösen und zu einem weiteren um mein Übergepäck zu bezahlen.
Mein Babysitter erklärte mir, dass er mich direkt zum Duty-Free-Bereich begleiten würde, damit ich nicht nochmal durch den Sicherheitscheck bei der Fluggesellschaft müsste. Sollte ich mich nun dafür bedanken? Das war ja wohl das mindeste! Es wäre ja noch schöner, wenn ich diese Sicherheitsprozedur noch einmal durchlaufen müsste! Er nannte es „den VIP-Service, damit ich Israel gut in Erinnerung behalte“. Ich musste mich sehr beherrschen nicht ausfällig zu werden und versuchte meine Wut durch übertriebene Freundlichkeit zu überspielen. Seine Aufgabe war nicht mir einen VIP-Abschied zu bereiten, seine Aufgabe war es eine „Schwerverbrecherin“ nicht eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Genauso fühlte ich mich. Wie eine Terroristin die widerwillig zur Bewährung freigelassen wurde.
Sie hatten ihr Ziel erreicht. Nach dieser Tortur überlegt man sich zweimal, ob man wieder in die palästinensischen Gebiete fährt. Falls man es tut, dann vielleicht ohne die Produkte zu kaufen oder die Wahrheit zu erzählen.
Noch nie fühlte ich mich freier als im Duty-Free-Bereich dieses Flughafens. 4.20 Uhr, noch 20 Minuten, dann ging mein Flieger. Ich lief zur Bar und investierte meine letzten Schekel in zwei Shots Wodka Smirnoff.

Auf der Toilette im Flugzeug mischte sich meine Wut erneut mit Tränen. Ich sah in den Spiegel und schrie mich an: „Thamar, reiß dich jetzt zusammen!“ Als ich zwei Stunden später den glutroten Sonnenaufgang über dem Bosporus beobachtete war ich um einige Tränen leichter und mein Erfahrungsschatz um ein negatives Erlebnis reicher.
Vielleicht habe ich erst während meiner letzten Stunden in Israel gelernt, was die Besatzung für den Alltag der Palästinenser wirklich bedeutet!

2 Gedanken zu „VIP-Service

  1. Liebe Thamy,
    nach meinem dreimonatigen Einsatz als Ökumenische Begleiterin (EAPPI) in Palästina u. Israel, habe ich vergangene Woche, bei meiner Ausreise am Ben Gurion Flughafen, zum ersten Mal auch die „königliche“ Behandlung durch „Sicherheitsbeamten“ erfahren. Zugegebenerweise war sie wesentlich harmloser als deine. Im Nachhinein kann ich nun noch besser nachfühlen, wie du dich gefühlt hast! Wir haben nichts unrechtes und illegales getan, nur eben Dinge gehört, gesehen und miterlebt, die der Israelische Staat gerne im Verborgenen geschehen lassen würde. Wir wissen genau, wer im Recht und wer im Unrecht ist. Aber wir lassen uns nicht so schnell bange machen! Wir lassen uns nicht einschüchtern und werden nicht aufhören Menschenrechtsverletzungen anzuprangern und für das Recht Unterdrückter und Ausgebeuteter einzustehen! Ich bin stolz auf dich! Mach weiter so!
    Gruß,
    Mama

  2. Apparently we both got graded 6 by the Shin Bet. my experience was not as bad as yours, and I did get pissed off at the officials, and they actually apologized after i called them all racists, and they „expected for me to not hold a grudge and visit again“. NO WAY!

    Ps: I was in EAPPI with your mom, so yeah, we know how it feels 🙂

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