Südafrika: Mein Länderporträt

Südafrika ist ein Land der Kontraste!

Im Jahr 2010 hat Südafrika die erste Fußball-Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent realisiert und damit ein neues Bild in die Welt getragen. Es sind Aufnahmen von bunten Fahnen, begeisterten Kindern die alte Kleider zu einem Fußball zusammengeschnürt haben, einem Meer aus Vuvuzelas in allen Farben des Regenbogens und wildfremden Menschen aller Hautfarben, die sich jubelnd in den Armen liegen. Südafrika zeichnete das Bild einer multikulturellen Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne – ein Land im Aufbruch, ein Löwe kurz vor dem großen Sprung.

Doch die sozioökonomische Bilanz der Weltmeisterschaft fällt gemischt aus und hochgesteckte Erwartungen haben sich oftmals nicht erfüllt. Kurzfristig geschaffene Arbeitsplätze führten nur selten zu langfristigen Anstellungen, die Instandhaltung der milliardenschweren Infrastrukturprojekte wurde zur kostenintensiven Bürde und selbst der vorübergehende Touristenboom ist wieder eingebrochen. Eine zeitweilige Euphorie hat die tiefliegenden Probleme des Landes überlagert, doch die Ernüchterung darüber, dass die Austragung eines World Cups sie nicht gelöst hatte, ließ nicht lange auf sich warten. Mit dem Tod Nelson Mandelas am 5. Dezember 2013 offenbarte sich die gesamte Tragweite der südafrikanischen Krise. Obwohl sich Mandela schon im Jahr 2004 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte und sich das Land angesichts seines Alters auf seinen Tod einstellen konnte, erlitt Südafrika einen Schock. Mandela war die personifizierte Form des idealistischen Traums von der liberalen Regenbogennation. Mandela war Südafrika, Südafrika war Mandela! Nun hatte das Land seinen „Tata“ verloren und damit den Klebstoff, der es zusammenhielt. Die Zeitungen titelten: „Ein Land am Abgrund“, „Wenn ein Traum stirbt“, „Südafrika ohne Konzept“, „Der große Baobab ist gefallen“, „Ende der Euphorie“, …


Südafrika steht vor großen Herausforderungen. Während die Südafrikaner 1994 mit einem neuen Selbstbewusstsein in die Zukunft blickten, ist das Land heute, 21 Jahre nach dem Ende der Apartheid, tief gespalten und sieht sich mit altbekannten und mit neuen Hürden konfrontiert.

Mandelas Nachfolger haben sein Erbe verspielt. Während der Friedensnobelpreisträger seine persönliche Freiheit 27 Jahre lang für den Traum von der Freiheit seines Volkes opferte und sich Zeit seines Lebens der Zukunft seines Landes, auf der Basis von Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit und Demokratie, verschrieben hatte, scheint Jacob Zuma (ANC), der amtierende Präsident, alle Probleme des Landes in seiner Person zu vereinen: Gewalt, HIV, Korruption und Ungleichheit.

Südafrikas Staatschef ist derzeit mit 3 Frauen verheiratet, hat 20 anerkannte Kinder und stand im Jahr 2006 vor Gericht, weil ihm die Vergewaltigung der Tochter eines ehemaligen Parteigenossen vorgeworfen wurde. Zuma wurde freigesprochen, geriet jedoch erneut in Erklärungsnot, als er vor Gericht angab, dass er von der HIV-Infektion der Frau gewusst habe, sich nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr jedoch mittels einer heißen Dusche gegen eine mögliche Virus-Übertragung geschützt hätte. Mit einer HIV-Infektionsrate von 18,9% hat Südafrika nach Botswana, Lesotho und Swasiland die vierthöchste HIV/Aids-Rate der Welt. Eine immense Belastung für das Sozial- und Gesundheitssystem und damit ein nicht zu unterschätzendes Hemmnis für die sozioökonomische Entwicklung des Landes.

Doch als moralische Instanz und Vorbildfigur konnte Jacob Zuma, der König der Skandale, noch nie dienen, denn die Liste der Korruptionsvorwürfe gegen ihn ist lang und aktuell wird ihm die Veruntreuung von rund 18 Mio. Euro Steuergeldern vorgeworfen, die er für die Renovierung seiner Privatresidenz verwendet haben soll. Die Justiz soll nun prüfen, ob der Bau eines Swimmingpools, einer Privatklinik und eines Amphitheaters wirklich zur Verbesserung der Sicherheit des Staatsoberhauptes erforderlich gewesen war. Selbstbereicherung, Machtmissbrauch, Betrug. Von alltäglichen Bestechungen im öffentlichen Leben bis hin zu illegitimen Millionendeals auf den höchsten politischen und wirtschaftlichen Ebenen durchzieht die endemische Korruption den gesamten Staatsapparat.

Die politische Elite bereichert sich auf Kosten der armen Bevölkerung, der sie im gleichen Atemzug soziale Gerechtigkeit und die Bekämpfung der immensen Arbeitslosigkeit verspricht. In keinem anderen Land der Welt ist die sozio-ökonomische Ungleichheit so groß wie in Südafrika und entgegen jeglicher Versprechen hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich seit 1994 sogar weiter verschärft. Während die Superreichen ihre Dollars an Kapstadts Küste in Marmorpalästen mit Glasfronten und Meerblick verbauen, lebt ein Drittel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze und erschreckende 17% immer noch von weniger als 2US$ pro Tag.

Die ungerechte Einkommensverteilung zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung, aber auch zwischen einer neureichen schwarzen Wirtschaftselite und der Masse der Bevölkerung, dient als Nährboden für Südafrikas immenses Gewaltproblem. Mit 17.000 registrierten Morden pro Jahr (Deutschland: 585 Morde) zählt das Land zu den kriminellsten Staaten der Welt und gerade in den vergangenen Jahren haben explizit fremdenfeindlich motivierte Übergriffe gegen Ausländer weiter zugenommen. Statistisch gesehen ist Südafrika unsicherer als Kolumbien und Mexiko, zwei Staaten die sich seit Jahrzehnten im mittelamerikanischen Drogenkrieg befinden und als Paradebeispiele für ausufernde strukturelle Kriminalität gelten.


Doch obwohl die Wunden, die die Geschichte dem Land zugefügt hat, noch nicht verheilt sind, es keinen „Madiba“ mehr gibt, der die Nation vereint und die Herausforderungen der Globalisierung eine Zerreißprobe darstellen, haben die Südafrikaner eines gemeinsam: Das Ende des Rassismus, der Ausgrenzung und der Diskriminierung war nicht die Errungenschaft eines einzigen Mannes, es war die Leistung einer ganzen Nation!

Schon vor der gesetzlichen Verankerung der Segregationspolitik 1948 regte sich innerer Widerstand an der Basis der Bevölkerung gegen die Spaltung in eine Zweiklassengesellschaft, gegen den Entzug politischer Partizipations- und Bürgerrechte und gegen die Ungleichheit im Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen. 1976 formierte sich die Jugend des Townships Soweto zu einem Demonstrationszug gegen das Apartheidsregime und kämpfte in blutigen Straßenschlachten monatelang gegen die Unterdrückung. Die Proteste zeigten Wirkung, Gesetze wurden gelockert und die Apartheid begann zu bröckeln. Beflügelt vom Wind des Wandels entwickelte die Bevölkerung ein neues Selbstbewusstsein und forderte dem Umsturz der Herrschaftsverhältnisse und ein neues Gesellschaftssystem. Friedliche Demonstrationszüge wurden von bewaffnetem Widerstand abgelöst, sodass zwischen 1985 und 1990 ein permanenter Ausnahmezustand herrschte. Südafrika stand mit einem Bein im Bürgerkrieg und verschiedene Akteure versuchten das Machtvakuum zu nutzen um ihre Interessen durchzusetzen.  Angesichts der Ausgangslage erschien der südafrikanischen wie der Weltöffentlichkeit ein Machtwechsel ohne Bürgerkrieg als Wunschtraum. Erst mit der Haftentlassung Nelson Mandelas 1990 und seiner Politik der Versöhnung schien die friedliche Überwindung der Apartheidsverhältnisse möglich. Nach einer immer noch turbulenten Übergangsphase folgten 1994 schließlich die ersten freien Wahlen in Südafrika, die der African National Congress (ANC) mit überwältigender Mehrheit gewann und aus denen Nelson Mandela als erster schwarzer Präsident des Landes hervorging.

Südafrika hat einen langen und streckenweise blutigen Weg hinter sich und die Versöhnung der Gesellschaft ist bei weitem nicht abgeschlossen. Dennoch hat das Land am Kap erreicht wovon viele Nationen noch träumen: Einen gesellschaftlichen Wandel auf der Basis universaler Werte: Demokratie, Gerechtigkeit, Gleichheit, Eigenverantwortung, Versöhnung, Respekt und vor allem Freiheit!


Südafrika hat Menschheitsgeschichte geschrieben!

Eine diplomatische Glanzleistung war die Einrichtung einer Wahrheits- und Versöhnungskommission zur Aufklärung der politisch motivierten Verbrechen während der Apartheid, zur Entschädigung der Opfer und für die Gewährung von Amnestie. Die Idee, Täter und Opfer in einen Dialog zu bringen und damit die Grundlage für die Versöhnung der zerstrittenen Bevölkerungsgruppen zu schaffen, wurde anschließend zum Modell für die Aufarbeitung von Kriegsverbrechen in anderen Post-Konflikt-Staaten wie Peru, Jugoslawien, Ruanda, Elfenbeinküste, Liberia und Sierra Leone.

Gleichzeitig wurden nach der Abschaffung der Apartheid die mit ihr verbundenen Diskriminierungen und Menschenrechtsverstöße als Verbrechen gegen die Menschlichkeit im Völkerrecht verankert. Damit sollen zukünftig jegliche Arten von ethnisch bzw. rassistisch motivierter Segregation verhindert werden und der Missbrauch der Staatsgewalt in einem Land, zur Einschränkung der sozialen und bürgerlichen Rechte einer Gruppe, unterbunden werden.

Bis heute gelten die Emanzipation der Bevölkerung und der friedliche Regimewechsel in Südafrika unter Sozialwissenschaftlern und Politologen als politisches Wunder. Infolge der „Nationalen Übereinkunft für Frieden“ war der Grundstein für eine demokratische Zukunft des Staates gelegt und die verschiedenen Verhandlungsparteien trafen sich zu intensiven und langwierigen Verfassungsgesprächen, in deren Konsequenz 1996 schließlich die “Constitution of the Republic of South Africa” verabschiedet wurde. Das eigentliche Herzstück des Dokuments bildet das zweite Kapitel, die „Bill of Rights“, die umfangreiche Menschenrechte auf der Basis eines Grundrechtekatalogs gewährleistet. Auf internationalem Parkett erntete Südafrika höchsten Respekt für die Verabschiedung einer der liberalsten und progressivsten Verfassungen der Welt und bis heute dient sie als Vorbild für die rechtliche und politische Grundordnung junger Staaten.

Doch das Land hat nicht nur eine politische Transformation erreicht, sondern ist von der wirtschaftlichen Isolation der Weltgemeinschaft zur größten Wirtschafts- und Finanzmacht Afrikas aufgestiegen und hat den Sprung zum modernen Industrieland geschafft. Das Land am Kap ist die Wirtschaftslokomotive des afrikanischen Kontinents, doch der Blick richtet sich weniger nach Norden, als vielmehr nach Osten und Westen. Südafrika steht neben Brasilien, Russland, Indien und China in der Reihe der BRICS – der Emerging Powers und es scheint als würde ein Kanal, vielleicht sogar ein Ozean zwischen Südafrika und Afrika verlaufen. In der vereinfachten Kategorisierung unserer Welt ist Südafrika kein Entwicklungsland, Südafrika ist ein Schwellenland!

Ein Werbeplakat am größten Busbahnhof Johannesburgs verdeutlicht diesen Vibe einmal mehr:
South Africa, you’ve come a long way, let’s go even further!


Aktuell erhebt sich die Jugend in Südafrika abermals gegen ihre politischen Führer. Unter dem Motto #FeesMustFall und #FreeEducationForAll demonstrieren Studenten gegen die geplante Erhöhung der Studiengebühren, gegen Korruption und für Chancengleichheit im Bildungssystem. Zurecht, denn obwohl die Generation „born-free“ die rassistischen Fesseln der Apartheid nicht mehr erleben musste, erträgt sie seit Jahren geduldig die immer gleichen leeren Versprechungen. Während Südafrikas Jugend unter Mandela langfristig eine kostenlose Bildung versprochen wurde, trugen seine Nachfolger dazu bei, dass sich alte und neue Ungleichheitsverhältnisse verfestigten. Doch es scheint als würde die junge Generation die Regierung endlich für ihre Versäumnisse zur Rechenschaft ziehen, denn die landesweiten Proteste eskalierten und Präsident Zuma sah sich gezwungen, den Forderungen der angehenden Akademiker nachzugeben. Wahrscheinlich ist das Einlenken der Regierung jedoch weniger der Einsicht geschuldet, dass die Erhöhung der Studiengebühren die soziale Ungleichheit nur manifestiert, als vielmehr der Angst davor, dass sich die Bevölkerung daran erinnern könnte was sie ihre eigene Geschichte gelehrt hat. Man muss gesellschaftliche Verhältnisse nicht einfach hinnehmen, Veränderung ist möglich und es lohnt sich für eine Vision zu kämpfen!

In Südafrika lodert ein Feuer und vielleicht braucht es nur einen Tropfen Benzin um einen Flächenbrand zu entfachen. Die Regierung sollte sich vor Augen führen, dass sich die Bevölkerung schon einmal der Riege ihrer politischen Führer entledigt hat. Die Plakate der Studenten mahnen „Aufwachen Südafrika!“ und sie drohen mit den Worten Nelson Mandelas: “If the ANC does to you what the Apartheid government did to you, then you must do to the ANC what you did to the Apartheid government.


South Africa, go for it!

2 Gedanken zu „Südafrika: Mein Länderporträt

  1. Hi Thamy,
    eine gute Zusammenfassung über die Geschichte und Entwicklung Südafrikas in den letzten Jahrzehnten!
    Vielen herzlichen Dank!
    Gruß,
    Mama

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